(K)Ein Leben (mehr) in Hektik

Dieses Jahr schreibe ich recht wenig über Fahrrad und Touren. Das liegt daran, dass mir etwas "dazwischen" gekommen ist. Ich nenne es Leben! Am vergangenen Wochenende habe ich mir eine Auszeit genommen. Der ein oder andere denkt nun an Urlaub. Im Prinzip war es das auch, denn es war eine Art Urlaub für mein Hirn. Bevor ich vorweg gleich zu viel verrate, eins nach dem anderen.

Freitag Abend sind wir zu einer entsprechenden Einrichtung in die Nähe von Würzburg gefahren. Nach dem Abendessen, welches bereits im Schweigen eingenommen wurde, wurden sämtliche Regeln für die kommenden eineinhalb Tage erklärt. Früh morgens klappert jemand mit zwei Hölzchen und die ganze Meute begibt sich in ein Rondell, um schnell im Kreis zu laufen. Danach geht es in einen großen Saal und auf Kommando setzt sich jeder hin. Nach dem Sitzen im Schweigen wird langsam gegangen, danach wird eine Glocke geschlagen und alle gehen zum Speisesaal. Eifriges Geklapper mit dem Geschirr und dem Besteck und wenige Minuten später ist alles Essen verputzt. Danach Pause, Klappern mit den Hölzern, ... Das Ganze wiederholt sich mehrere Male. Soweit meine nicht ganz ernst gemeinte Rezension zum Wochenendseminar "Zen-Einführung" am Benediktushof. Sollte es den einen oder anderen an das Leben des Deutschen liebsten Vierbeiners erinnern, so kann es sich dabei nur um einen Zufall handeln. Dieses Vorgehen hatte jedoch seinen Reiz: ich hatte keinerlei Verantwortung, musste mich um nichts kümmern und konnte mich so voll und ganz auf mich selbst konzentrieren. Und so stellte sich selbst banales Laufen im Kreis beim genaueren Hinsehen als ein kleines Abbild des großen Lebens dar. Eine unstrukturierte Masse setzt sich in Bewegung. Jeder hat einen vorgegebenen Rahmen, in dem er sich bewegen kann und doch findet jeder seinen ganz persönlichen Weg. Es geht nicht um Geschwindigkeit. Es geht nicht um ein Ziel. Es geht nur um das Laufen an sich. Manchmal waren soviele Menschen vor mir, dass ich scheinbar keinen Ausweg sehe. Kurze Zeit später (Beharrlichkeit) findet sich ein Weg.

Das Essen, welches mir angeboten wurde, war einfach, puristisch, vegetarisch. Ich habe ehrlich gesagt schon einige gute Ma(h)le gespeist. In dieser Umgebung hat dieses einfache Essen einen besonderen Reiz auf mich gehabt. Gebratene Kartoffeln (vermutlich frisch vom Feld), dazu etwas Gurkensalat und Kräuterdipp. Perfekt. Es hatte alles einen intensiven Geschmack und ich war in jenem Augenblick einfach nur glücklich, denn mehr habe ich nicht gebraucht. Wie oft habe ich ein Essen fotografiert, weil ich es vom Geschmack und von der Optik her toll fand. Im Schweigen habe ich mich auf das Essen und seinen Geschmack konzentriert. Keine Ablenkung. Nur das Essen und ich. Das führt dazu, dass ich das Bild des Essens immer noch vor meinem inneren Auge habe. Sollte ich mir im Alltag vielleicht mehrerer solcher Situationen schaffen, in denen ich mich voll und ganz auf eine Sache konzentrieren kann? Und sollte ich nicht darüber nachdenken, ob der ganze Überfluss, in dem wir leben, der richtige Weg ist? Ja, ich sollte. Und ich tu es!

Beim Sitzen im Schweigen zählt nur der eigene Atem, auf den ich mich konzentrieren sollte. Gelang es am ersten Abend noch sehr gut, habe ich nach diversen Sitz-Sessions am zweiten Tag doch meine Probleme gehabt. Was war los? Da war dieses eine Lied, das sich immer wieder in den Kopf geschoben hat. Da waren Gedanken an die Zukunft. Da waren Gedanken an meine Oma - huch, wo kommen die denn jetzt her, ist sie doch bereits seit beinahe 15 Jahren nicht mehr unter uns. Das Gedankenkarussell drehte und drehte sich und ich war munter dabei, meine Gedanken zu kategorisieren. Stille ist dabei nur in den seltensten Fällen eingetreten. In meinem Kopf ist immer was los. Bis zu dem einen Zeitpunkt, an dem ich es geschafft habe, meine Gedanken kurzzeitig in eine gedachte Kiste zu sperren. In dieser Kiste konnten sie da sein. Ich habe sie nicht verbannt, sondern ich habe ihnen Raum gegeben. Das war eine schöne Erfahrung, denn kurzzeitig war das Geplapper im Kopf sehr leise. In diesem Moment war ich ganz bei mir und dieser kurze Moment hat ausgelöst, dass die Sitz-Sessions am Wochenende nicht die letzten waren.

Beim genaueren Hinsehen habe ich Ähnliches bereits beim Fahrrad Fahren erlebt: gerade meine erste Tour durch Südschweden war für mich beinahe im Schweigen, denn ich verstehe kein Schwedisch. Radfahren in Schweden ist jetzt auch nicht das Mega Event, sodass die Radwege leer sind und ich größtenteils für mich alleine war. So gab es meditative Zustände beim Radfahren - und so haben wir die Verbindung zu diesem Artikel. Ich habe ähnliches erlebt und gerade laufen mal wieder alle Fäden zusammen. Nicht durch Zutun, sondern durch sein. Während ich auf dem Fahrrad gesessen habe, habe ich das Jetzt gespürt, den Augenblick. Das Surren der Räder, den Wind, die Landschaft. Das war mein Jetzt in Schweden, das waren meine Momente. Mein aktuelles Jetzt ist im Schreiben. Im Schreiben genau dieses Artikels. Das bin gerade ich. Ich bin nicht der Radfahrer, ich bin kein Mensch, der sich über eine Berufsbezeichnung definiert. Ich bin kein Mensch, der sich über das Auto, was auf der Straße steht oder den Besitz, den ich um mich herum angehäuft habe, nein, ich bin ein schreibender, atmender Mensch. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und Du, der da gerade diesen Artikel liest, Du bist ein lesender Mensch. Das ist Dein Jetzt, Dein Augenblick. Dein Leben. Viel Spaß beim Genießen!
 


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