Whiteboardmarker auf Marken-Whiteboards

Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es Herz-Lich Will-Kommen.

Da ist er wieder, dieser Vorschlag meines Chefs. Ach was Chef, heute heißt das ja Führungskraft. Wobei der Begriff nun auch etwas antiquiert ist. Vielleicht nennen wir ihn doch besser Manager. Denn er managt alles. Er managt meine Themen, er managt meine Urlaubsanträge, ja er managt sogar mein Wissen. Was so ein Verwalter alles verwalten kann. Herrlich.

Und weil er so toll Wissen verwalten kann, schickt er mich wieder auf eines dieser Seminare. Ein Seminar, auf dem man zeigen kann, was man nicht kann: nämlich vorne stehen und tolle Reden schwingen. Visualisieren und kommunizieren. Als wäre ich nicht visuell genug und meine Verständigung so schlecht, als dass ich es erneut bräuchte. Was hilft's, der Verwalter hat's entschieden und einen Termin gemanagt.

Hopp und ab zum Kurs in eine nicht näher zu benennende Finanzmetropole am Main. Ein Hotel soll es sein. Da prangt es schon, dieses wundervolle Schild: Ein in der Farbe Rot gemaltes Herz. Dahinter prangt ein lich. Ein Licher wäre mir jetzt lieber, irgendwie krieg ich das schon runter. Hinter dem lich das Willkommen. Nein, ich will gehen. Lieber jetzt als gleich. Doch mein Verwalter hat in seiner unendlich großzügigen Art in Vorleistung gebucht.

Was tun? Über sich ergehen lassen. Oder sich übergeben lassen?

Gleich kommt sie, die Vorstellungsrunde. Jeder erzählt, wer er ist und warum er hier ist. "Mein Name ist Christoph, ich bin in der Hundefutterverwertung, sorry -Herstellung und soll hier ein bisschen lernen, zu präsentieren". Stehen Hunde ja ungemein drauf, wenn man den Namen des Futters visualisiert. Was heißt das eigentlich? Bringe ich ihn zum Leuchten? Tanze ich ihn vor?

"Ich bin die Sabine und in der Controlling-Abteilung einer Immobiliengesellschaft." Herr Gott Sabine, was tust Du hier? "Ich soll die Zahlen ansprechend vor dem Vorstand darstellen." Aha, die Zahlen. Ansprechend. Das hier ist keine Beauty-Farm. Schlechte Zahlen bleiben schlechte Zahlen bleiben schlechte Zahlen. Da hilft es auch nix, wenn man sie rosa anpinselt und mit einem Lächeln in einer bunten Kraft-Punkt-Präsentation verpackt. Der Moderator sitzt mit seinem Klemmbrett vorn und macht sich Notizen. Was bin ich froh, dass er das Brett in der Hand und nicht vor dem Kopf trägt. Weiter geht's.

"Mein Name ist Sebastian, gelernter IT-Systemelektroniker und ich soll jetzt mehr mit Kunden…" Da empfehlen wir doch gleich mal die anonymen Deutschlernenden im Nachbar-Raum. Ganze Sätze kann man, muss man aber nicht, vollkommen richtig. "Also ich soll die Anforderungen mit den, na, den ach, den Kunden aufnehmen und dann für die annern, die das umsetzen" gähn "so machen, dass sie das verstehen." Aha, Anforderungen erheben und für die dunklen Kellergeschöpfe aka Programmierer übersetzen. Es könnte so schön knackig sein, aber der Moderator denkt auch: Lasse reden.

Vielleicht heißt er ja sogar so. Wäre ein toller Name für einen Moderator solch eines Kurses. Mein Name ist Lasse, Lasse Reden und ich lass Euch heute reden. Ha, Schenkelklopfer.

Lasse, ach man, der Moderator fasst kurz zusammen, was er erlebt hat. Und zwar mit dieser wundervollen Frage, die jetzt kommen muss: "Wie hat es denn auf Euch gewirkt?" Augenrollend lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen.

Juhu, da ist er. Sebastian, der IT-Systemelektroniker ist offensichtlich mit dem richtigen Bein aufgestanden und stellt fest: "Also das war echt toll, denn ich fand das echt gut, wie die andern beiden sich, also ich weiß jetzt mit wem ich hier heute den Tag. Das ist großartig" Eifrig werden die sprachlichen Ergüsse auf dem Klemmbrett fixiert.

Bevor es zu weiteren sprachlichen Ausfällen kommt, ergreift Mr. Moderat das Wort. Zu viele Fakten. Zu wenig Emotion. Zu viel aufs eigene Ich fixiert. Man eh, fixier Deine Worte auf dem Klemmbrett. Wie hättest Du es denn gern, dass ich mich präsentiere. Soll ich das aus Sicht einer Taube machen? Nun passiert es. Spannung liegt in der Luft. Ich vermute, dass gleich solch tolle Sachen wie rote Fäden in die Luft gehalten werden. Weit gefehlt. Dieser Fuchs hat doch glatt was vorbereitet: Eine Meterplanwand. Mit Wölkchen. Mit runden Karten. Mit eckigen Karten. Rote Karten. Blaue runde Karten. Grüne ovale Karten. Gelbe sechseckige Karten. Ocker-farbene halb-runde Karten. AHHHH! Und natürlich darf er nicht fehlen. Das Objekt meiner Begierde an dem meine Augen bereits hefteten: Der Moderatoren-Koffer.

Ein Koffer voller drolliger Dinge. Eben genannte Karten. Reißzwecken - machen sich hervorragend auf einem Moderatoren-Stuhl. Stifte. Dick, dünn, schwarz, bunt. Aber Obacht. Nicht jeder Stift ist für jeden Zweck. Was heißt denn hier Zweck?! Der eigentliche Zweck eines Stifts ist das Linieren. Aus manch einer Linie wird ein Buchstabe geformt. Aus anderen Linien werden Grafiken. Herz-Licher-Will-Gehen beim Visualisieren. Das Runde aufs Eckige und schon wird's ein Bild. Welcher Zweck also? Die Stifte werden hoch gehalten. Zwei verblüffend ähnliche Exemplare. Doch sie unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt: Die einen sind permanent. Also für immer. Während die anderen nur flüchtig sind. Pssst, die letzteren gehören zur Gattung der Whiteboard-Marker. Ich kann also was markieren. Christophs Augen müssten jetzt leuchten, denn Markieren gehört doch zur Grundfähigkeit eines jeden Exemplars für das er das Futter tanzen soll.

Nachdem die Stifte präsentiert wurden, stehen Übungen an. Eine frei erfundene Situation soll in Form einer Stresspräsentation vorgetanzt werden. Im Losverfahren hat Sebastian das große Glück, damit zu beginnen. Sein Thema: "Das 3-Gänge-Menü für den Hund auf Basis von Rinderragout - Fluch oder Segen?" Christoph rollt die Augen, ist es doch sein Spezialgebiet. Sabine hört nur die Zahl 3 und ist auf 180. Nur Sebastian guckt etwas erschrocken aus der Wäsche. Schon wurde der Stress präsentiert, dann sind wir ja fertig. Pustekuchen. Sebastian bekommt drei Minuten Vorbereitungszeit, um danach mindestens sieben Minuten über Fluch und Segen eines Hunde-Rinderragout-3-Gang-Menüs zu philosophieren. Na das schauen wir uns doch mal an.

Eifrig wird an den Kärtchen geschnitzt und so wird aus einer grünen sechseckigen Karte ein ganz ansehnlicher Hund mit braunen Streifen. Die hellgelbe runde Karte mutiert zum Topf, sorry zum Napf. Fertig ist die Visualisierung. Dann geht es Richtung Whiteboard, zack, Vorbereitungszeit ist um. Mit Stiften bewaffnet, an denen man sich ganz wunderbar festhalten kann, steht er schweißgebadet vor uns: Sebastian, der Mann, der uns gleich zeigen darf, was in ihm steckt. Und Action: "Modernste psychologische Hunde….ach, Hunde-Psychologie zeigt, wie wertvoll es ist…"

Lieben Dank an Christiane für die grafische Unterstützung (https://wirmussenreden.wordpress.com)

Meine Gedanken schweifen ab. Was, wenn mein Verwalter jetzt hier auftauchen würde? Würde er mir womöglich Herz-Lich zu meinem bestandenen Kurs gratulieren? Würde er sich in seiner gewohnt unnachahmlichen Art vorstellen und davon berichten, dass er als kleiner Mann auch die ganz großen Räder dreht? Dreht womöglich er alleine das ganz große Rad? Nämlich am eigenen?

Gedanken über Gedanken bahnen sich ihren Weg durch meine Synapsen, als ich aus dem Augenwinkel sehe, wie Sebastian mit dem Stift vom Whiteboard abrutscht. Gut, die Farbe Rot hält auch auf der Tapete an der Wand, an der das Whiteboard befestigt ist, das wäre nun nachgewiesen. Koordination gehört offensichtlich nicht ganz zu seinen Stärken, denn das Bild, was sich mir am weißen Board bietet ist einfach nur grauenvoll: Die mühsam zusammengebastelten Karten hängen an winzigen Klebestreifen und drohen abzustürzen. Zwischen Hund und Napf gibt es mehrere Verbindungslinien. Keine Ahnung, ob es Menschen gibt, die so dermaßen an Verlustangst leiden, dass sie das Tier sogar an den Napf ketten, aber egal. Rote Linien, blaue Linien, schwarze Linien und sogar grüne Linien. Allesamt mit mächtig vielen Pfeilen. Offensichtlich muss es Verknüpfungen geben, die mein Hirn gerade nicht auf die Ketten bekommt.

Sebastian stammelt langsam: "Und damit möchte ich mich bei ähm wegen des Zuhörens bedanken". Dann gibt es noch etwas Feedback (nein, hat an der Stelle nicht mit zurück füttern zu tun) vom Präsentations-Guru. Er lehnt sich zurück, lässt das Vorgetragene und das Spaghetti-Wirrwarr auf sich wirken, krault sein Kinn und nimmt damit die berühmte Denkerposition ein. Er schüttelt beharrlich den Kopf, bringt kaum ein hörbares Wort hervor und sagt ganz leise: "Ich muss erst mal in mich, also das Zeug hier muss weg. Wir unterbrechen für zehn Minuten und sehen uns gleich hier wieder."

Langsam setze ich mich nach vorn in Bewegung, um Sebastian unter die Arme zu greifen und das Whiteboard zu weißen. Doch er will nicht. Ok, selbst ist die IT. Er befeuchtet den Schwamm mit dem Whiteboard-Marker Whiteboard-Cleaner. Er setzt ihn an, den Schwamm. Blau, weg. Schwarz, weg, grün, weg. Rot, bleibt. Nichts anderes sehe ich und verspüre gerade den Drang, mich zu erleichtern. Ich weiß nur noch nicht so genau ob der Druck der Blase oder der Druck in der Magengegend schlimmer ist. Fest steht nur, ich will hier raus. Doch die Tür, sie öffnet sich nicht. Ich bin gefangen. Hier, im Jetzt. Und dann starre ich auf mein Blatt Papier vor der Tastatur. Auf dem Blatt: Die Buchungsbestätigung meines Seminars und eine rote Linie. Herz Lichen Glückwunsch und bis bald im Seminar.


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